(Entlastungen) Pipilottis Fehler, 1988
Dieses Video ist ein frühes Werk von Pipilotti Rist, in dem die Künstlerin mit den technischen Möglichkeiten des Mediums Video experimentierte und dessen Grenzen und Fehler kreativ nutzte – wie dieses Werk eindrücklich zeigt. Begleitet von schnellen Trommelschlägen sehen wir eine Frau fallen, von einer Wand abrutschen und ins Wasser eintauchen – doch kaum eine Szene bleibt unverzerrt, ungebrochen oder unbeeinflusst von einer zu schnellen oder zu langsamen Wiedergabe. Diese radikalen Bildveränderungen fordern unsere gewohnten Sehweisen heraus. Sich Entlastungen, Pipilottis Fehler (1988) anzusehen, bedeutet für die Betrachter*innen, eine Herausforderung anzunehmen.
Während des gesamten Videos spricht Rist einen Monolog wie durch ein Megafon und dirigiert die scheiternde Frau. Die Stimme scheint den Ablauf anzuhalten oder das Bild ganz auszublenden. Die ersten Worte des Monologs – „I see. You see. I see you see.“ – beziehen sich auf das Medium Video selbst, denn „video“ bedeutet auf Lateinisch „ich sehe“. Darüber hinaus verweist Rist auf das Zusammenspiel von Sehen, Subjektivität und Kamerablick. Können wir je wissen, wie andere Menschen uns und die Welt wahrnehmen?
Adaptiert nach Texten von: Mirjam Varadinis (MV), Änne Söll (ÄS), Katharina Ammann (KA), Eveline Schüep (ES) und Andrea Fischer-Schulthess
Pipilotti Rist, eine Pionierin der installativen Videokunst, wurde 1962 in Grabs im Schweizer Rheintal an der österreichischen Grenze geboren und zählt seit Mitte der 1980er-Jahre zu den zentralen Figuren der internationalen Kunstszene.
Mit energetischen, beinahe exorzistischen Gesten verblüffte sie die Kunstwelt durch ihre heute legendären Single-Channel-Videos wie I’m Not The Girl Who Misses Much (1986) und Pickelporno (1992). Ihr Werk entwickelte sich parallel zu den technischen Innovationen und erkundet in spielerischer Weise deren neue Möglichkeiten, um Bilder zu schaffen, die an ein kollektives Gehirn erinnern. Mit großformatigen Videoprojektionen und digitaler Manipulation hat sie immersive Installationen entwickelt, die aus sanft fließenden Duschen leuchtender Farbtöne Leben schöpfen – etwa in Sip My Ocean (1996) oder Worry Will Vanish (2014).
Für Rist bedeutet Verletzlichkeit eine Form von Stärke, aus der sie Inspiration gewinnt. Mit neugierigen, üppigen Aufnahmen der Natur (zu der der Mensch als Tier gehört) und mit einer investigativen Bildbearbeitung sucht sie nach neuen Blickwinkeln, die Altbekanntes in neuen Perspektiven darstellt . Ihre Installationen und Ausstellungskonzepte entfalten sich großzügig und eröffnen in Geist, Sinnen und Körper unendliche Möglichkeiten poetischer Entdeckung und Erfindung. Pixel Forest (2016), bestehend aus 3.000 an Schnüren hängenden LEDs, wirkt wie eine explodierte Kinoleinwand, die den Raum erobert und den Besucher:innen einen immersiven Gang durch ein dreidimensionales Video ermöglicht. Wie sie selbst sagt: „Neben der energieintensiven Erkundung der geografischen Welt sind Bilder, Filme und Klänge die Räume, in die wir fliehen können … Der Projektor ist der Flammenwerfer, der Raum der Strudel, und du bist die Perle darin.“
Seit 1984 war Rist in unzähligen Einzel- und Gruppenausstellungen sowie bei weltweiten Videopräsentationen vertreten. Zu ihren jüngsten Einzelausstellungen zählen 掌心宇宙 Your Palm is My Universe im UCCA Center for Contemporary Art (2025), Electric Idyll im Fire Station Doha (2024), Prickling Goosebumps & A Humming Horizon bei Hauser & Wirth New York und Luhring Augustine Chelsea (2023–24), Behind Your Eyelid in Tai Kwun, Hongkong (2022), Big Heartedness, Be My Neighbor im The Geffen Contemporary, MOCA Los Angeles (2021–2022), Your Eye Is My Island im National Museum of Modern Art Kyoto und im Art Tower Mito (2021), Åbn min Lysning. Open my Glade im Louisiana Museum of Modern Art Humlebæk, Dänemark (2019), Sip My Ocean im Museum of Contemporary Art Sydney (2017–2018), Pixel Forest im New Museum New York (2016–2017) sowie Your Saliva is My Diving Suit of the Ocean of Pain im Kunsthaus Zürich (2016) – alle mit rekordverdächtigen Besucherzahlen.
In der Shedhalle Zürich war Rist erstmals im Winter 1992/93 in einer Gruppenausstellung kuratiert von Harm Lux mit weiteren Schweizer & internationalen Künstlerinnen zu sehen. In den folgenden Jahren nahm sie zudem an den Ausstellungen Changing I – dense cities (1993) und The Color of Friendship (2000) teil.